13 Frauen hatten sich am Freitag trotz sehr großer Hitze im Pfarrsaal eingefunden und waren gespannt auf das, was uns Juliane Höft und Marianne Eislinger-Watzl vom Ambulanten Hospizdienst Bruchsal zur Begleitung Schwerstkranker am Lebensende zu sagen hatten. Letzte Hilfe Kurse sind entstanden, weil man heute, nicht mehr wie früher, gut auf Vorwissen zurückgreifen kann: Früher hatte man Sterben bereits in den Familien und Nachbarschaften erlebt und wusste damit besser umzugehen. Das Ziel des Letzte Hilfe Kurses ist, diese Wissenslücke zu schließen.
Frau Eislinger-Watzl betonte gleich zu Beginn, dass auch Hospizbegleiter/innen nicht wissen, wie „gutes“ Sterben geht, jeder und jede gehe seinen eigenen letzten Weg.
Dass ein Mensch bald stirbt, kann man an einigen Vorzeichen erkennen: Ein Mensch zieht sich zurück, hat immer weniger Interesse an Mitmenschen und Umwelt, Essen und Trinken und Nähe, extreme Schwäche und Müdigkeit kommen oft dazu, die zu vermehrter Bettlägerigkeit führen. Aber Vorsicht, diese Anzeichen können auch auf eine Depression hinweisen! Daher muss eine lebensverkürzende Diagnose vorher festgestellt worden sein.
Sterben heißt nicht nur, dass der Körper seine Funktionen aufgibt. Cicely Saunders, eine Pionierin der Hospizbewegung, plädiert dafür Sterben ganzheitlich zu sehen:
Neben der körperlichen Komponente – die Organe stellen ihre Funktion schrittweise ein, gibt es auch psychische Komponenten: Der Mensch wird zunehmend einsamer, was mit Angst und Unruhe, depressiven Reaktionen, Ambivalenz (ich möchte sterben und ich möchte zugleich leben), sowie Verwirrtheit einhergehen kann, sowie soziale Komponenten, wo es vor allem um das Loslassen geht: von der Familie, von der eigenen Rolle, von Finanzen (wie geht es für die Zurückbleibenden finanziell weiter?). Und es geht um existentielle/spirituelle Fragen: Welchen Sinn hat mein Leben noch? Was kommt danach? Welche Rituale (die je nach Herkunft unterschiedlich sein können) sind mir wichtig?
Eine gute Begleitung ist daher mehr als körperliche Schmerzen zu lindern, sie sollte alle vier Bereiche im Blick behalten!
Um auch in Krankheit, Gebrechlichkeit und Sterben selbstbestimmt und würdevoll behandelt zu werden, ist es von zentraler Bedeutung, für den Fall vorzubeugen, in dem man nicht mehr in der Lage ist, für sich selbst zu entscheiden. Darum ging es im 2. Modul des Kurses. Jeder Mensch ab 18 Jahren sollte sich Gedanken machen:
- Was ist mir wichtig am Lebensende?
- Wer soll für mich entscheiden?
- Wo möchte ich gerne sterben?
- Wie möchte ich gerne behandelt werden?
- Wann hat das Leben für mich noch einen Sinn?
Diese Wünsche sollten schriftlich festgehalten werden, etwa in einer Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht oder Vorsorgevollmacht. Die Dokumente müssen nicht notariell beglaubigt werden, sollten jedoch leicht auffindbar sein und regelmäßig überprüft sowie aktualisiert werden.
Wenn der Ernstfall eintritt, ist man oft auf Hilfe angewiesen von Hausärzten, speziell ausgebildeten Palliativkräften, dem Ambulanten Hospizdienst, den stationären Hospizen oder besonderen Palliativstationen in Krankenhäusern.
Was kann der Ambulante Hospizdienst anbieten? Ehrenamtliche Mitarbeiter/innen gehen in die Familien oder auch ins Pflegeheim oder Krankenhaus, je nach Absprache mehrmals oder 1-2x pro Woche, und „sind da“. Sie haben Zeit
- um zuzuhören: Hoffnungen, Verzweiflung, Freude und Ängste mitzutragen und auszuhalten,
- um Unterstützung von außen zu geben, wenn z.B. Gespräche über Ängste und Befürchtungen in der Familie schwierig sind,
- um zu entlasten und Pflegenden für kurze Zeit Freiraum zu schaffen,
- um Dinge anzubieten, die dem/der Schwerstkranken guttun, wobei dies bei jeder einzelnen Person anders aussehen kann.
Dieser Dienst ist unentgeltlich. Nach einem Todesfall bietet der Ambulante Hospizdienst zudem Begleitung für trauernde Menschen an.
Im 3. Modul ging es um das, was helfende Angehörige tun können, um Leiden zu lindern. Viele Sachen konnten nur angerissen werden, dafür gab es aber umfangreiches Material zum Nachlesen. Ein paar Strategien des Umsorgens seien hier zusammengefasst:
- Wenn man dem Gefühl folgt, liegt man in den meisten Fällen richtig!
- „Da sein“ ist das Wichtigste: Hände zu halten, für entspannende Maßnahmen sorgen, wie Einreiben mit einem wohlriechendem Öl, beruhigende Musik hören, Lieblingslieder singen, eine angenehme Lagerung finden, Akkupressurpunkt an der Hand massieren, etwas vorlesen, lieb gewonnene Rituale ermöglichen… aber vielleicht auch mal „Blitzableiter“ sein, Gesprächen, die noch offen sind, nicht aus dem Weg gehen, Lösungen für Dinge, die noch geklärt werden müssen, suchen.
- Ernährung und Flüssigkeit ändern sich am Lebensende. Der sterbende Mensch hört normalerweise zu essen und zu trinken auf, womit viele Angehörige schlecht umgehen können. Aber die Hospizbewegung sagt dazu: „Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken, sondern man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt.“
- Mundpflege und Körperpflege bleiben sehr wichtig. (Mundbefeuchtung geht nicht nur mit Wasser, sondern auch mit dem Lieblingsgetränk der sterbenden Person!)
- Rat an die pflegenden Angehörigen: Nur wer gut für sich selbst sorgt, kann auch gut für andere sorgen!
Das 4. Modul widmete sich dann dem Abschied nehmen. Ein kurzes Video zeigte, was im Körper passiert, wenn Menschen sterben. Wenn der Tod eingetreten ist, erste Zeichen dafür sind die Todesstarre und Leichenflecke, müssen einige Vorschriften beachtet werden, vor allem die Leichenschau durch einen Arzt, der auch die Todesbescheinigung ausstellt, die für viele weitere Schritte ganz entscheidend ist. Diese muss privat bezahlt werden.
Was viele nicht wissen, ist, dass man eine verstorbene Person in Baden-Württemberg bis zu drei Tage zu Hause aufbahren lassen kann, um in Ruhe Abschied nehmen zu können. Schon vor dem Tod gibt es hilfreiche Rituale: Die Krankensalbung, einen Sterbesegen, gemeinsames Beten und Singen. Auch nachher bieten sich verschiedene Rituale zum Abschied nehmen an: Am offenen Sarg trauern, ein Salbungsritual durchführen, noch Ungesagtes sagen, vielleicht einen Brief oder ein Bild mit in den Sarg legen, mit Kindern den Sarg bemalen…
Kinder trauern anders. Sie brauchen eine altersangemessene Information und eigene Formen der Trauer. Erst ab 5 beginnen Kinder allmählich die Endlichkeit von Leben zu verstehen. Sie bewegen sich oft zwischen „Trauerpfützen“, Zeiten intensiver Trauer, und ganz normalem Alltag. Um nicht zusätzliche Ängste um die eigenen Eltern zu wecken, sollten Erwachsene bei einem Todesfall in der Familie Kindern gegenüber eine klare Sprache verwenden: die Oma/der Opa ist gestorben und nicht „eingeschlafen“ oder „entschlafen“ oder „von uns gegangen“. Kindern kann es auch helfen, die Endgültigkeit des Todes zu verstehen, wenn sie an der Beerdigung teilnehmen.
Trauer ist eine normale Reaktion auf den Verlust eines nahestehenden Menschen und hat viele verschiedene Gesichter: Wut, verlassen worden zu sein, Ohnmachtsgefühle, Depression, Einsamkeit, Schuldgefühle, Dankbarkeit … Sie kann unterschiedlich lang dauern. Die Trauer geht dem Ende zu (auch wenn sie zu besonderen Tagen auch später immer wieder auftreten kann), wenn der/die Trauernde einen neuen Platz für die verstorbene Person in ihrem Leben gefunden hat. Das Leben wird wieder schön, aber anders – und der/die Verstorbene hat einen Platz darin!
Viele Menschen sind unsicher im Umgang mit trauernden Menschen. Nicht hilfreich sind Ratschläge oder Floskeln, wie „immerhin ist er/sie jetzt erlöst“, langes Reden über eigene Erfahrungen, die Erwartungshaltung, dass es jetzt doch endlich mal gut sein müsse mit der Trauer, aber auch zu großer Schutz: die meisten Trauernden wollen nicht ausgeschlossen werden und es kränkt sie auch, wenn man nicht mehr über den Verstorbenen spricht. Viel wichtiger sind „Zuhören und Geduld haben“, „Unterstützung anbieten, die man auch halten kann“ (wie am Anfang vielleicht ein Essen vorbeibringen, zu einem Spaziergang einladen…), trauernden Menschen nicht aus dem Weg zu gehen, auch wenn manchmal die Worte fehlen. Der Ambulante Hospizdienst Bruchsal bietet verschiedene Angebote speziell für Trauernde an (bruchsal@hospizgruppe.de).
Mit einer Fülle von Informationen ging der Kurs nach 4 Stunden zu Ende. Wir nahmen viel konkretes Informationsmaterial und die Erkenntnis mit nach Hause, dass Sterben ein individueller und ganzheitlicher Prozess ist, bei dem menschliche Nähe, Aufmerksamkeit, Würde und Selbstbestimmung eine zentrale Rolle spielen. Wir wurden ermutigt, keine Scheu zu haben, sondern schwerkranke und sterbende Menschen zu begleiten nach unseren Möglichkeiten. Und wir wurden auch ermutigt uns frühzeitig Unterstützung zu holen.